Einsatz von VR-Brillen im modernen Recruiting-Prozess

Der Geschäftsführer grüßt freundlich am Eingang, die Personalerin führt Frau Schmidt an den Büros vorbei und zeigt ihr die verschiedenen Abteilungen. Dann geht es in die Produktion. So viele Maschinen, so viele Roboter, hohe Sicherheitsvorkehrungen. Dennoch kommt Frau Schmidt ganz nah ran und kann die einzelnen Schritte beobachten. Danach geht es in einen Konferenzraum. Dort warten schon einige Abteilungsleiter und der Personalchef. Frau Schmidt stellt sich kurz vor. Die Mitarbeiter schildern ihr die Herausforderungen der Stelle. Am Ende noch ein kurzer Blick in die Kantine, dann ist der Rundgang zu Ende.

Frau Schmidt lehnt sich in ihrem Sessel zurück, nimmt die Brille ab – sie sitzt in ihrem Wohnzimmer.

Science Fiction oder Video-Game? Nein, Virtual Reality. Der Arbeitsmarkt ist hart umkämpft, Spezialisten rar und die Generation Z muss erst einmal abgeholt und beeindruckt werden. Einige Unternehmen greifen daher schon heute zu einer digitalen Technik: Sie betreiben Recruiting mit Hilfe von VR-Brillen.

Mehr Authentizität und Emotionalität halten damit Einzug in die Candidate Journey. Mit einem virtuellen Erleben des Unternehmens erhalten beide Seiten einen (fast) echten Blick aufeinander. Damit lassen sich auch böse Überraschungen vermeiden. Der Bewerber weiß von Anfang an, auf was er sich einlässt. Denn vom künftigen Schreibtisch über die Kollegen, die Räumlichkeiten bis hin zur Kantine lässt sich alles schon einmal virtuell erkunden – und zwar vor Vertragsabschluss.

Der Einsatz von VR-Brillen steckt – trotz dieses Vorteils – noch immer in den Kinderschuhen. Wie die Uni Bamberg 2019 herausgefunden hat, nutzen nur 2,4 Prozent der Top-1.000-Unternehmen Virtual-Reality-Anwendungen in der Personalbeschaffung. Allerdings plant jedes zehnte Unternehmen, Virtual-Reality-Anwendungen in Zukunft zu verwenden, was eine Vervierfachung im Vergleich zur aktuellen Nutzung bedeutet.

Auch aus Kandidatensicht ist ein deutlicher Generationenunterschied zu erkennen. So sind es in der Baby-Boomer-Generation (Jahrgang 1946-1964) nur 15,4 Prozent, bei dem der Einsatz von Virtual-Reality-Anwendungen Begeisterung weckt, während es in der Generation Z vier von zehn Kandidaten sind.

Der Einsatz von VR-Brillen kann für Unternehmen einige Vorteile bringen:

  • Internationale Stellenbesetzung: Global Player können VR-Technik einsetzen, wenn eine Stelle im Ausland zu besetzen ist, die HR aber in Deutschland sitzt und auch nach deutschen Arbeitnehmern sucht. Die Gegebenheiten vor Ort lassen sich dem Kandidaten via VR-Brille zeigen. Für ihn ist es schließlich ein großer Sprung, im Ausland einen Job anzutreten. Da sollte man schon im Vorfeld wissen, auf was man sich einlässt. Auch die Unternehmen minimieren damit das Risiko, dass der neue Mitarbeiter nach kurzer Zeit das Handtuch wirft.
  • Sensible Produktion: Vor allem in der Pharma-, Chemie- oder Raumfahrtbranche können die Firmen nicht zig Bewerber durch ihre sensible Produktion führen. Strenge Sicherheits- und Hygienevorschriften oder die Arbeit im Forschungsbereich, wo es gilt Geheimnisse zu bewahren, sind ein ideales Einsatzgebiet für VR. Im Recruiting-Prozess kann der Kandidat sich den Arbeitsplatz damit besser vorstellen, er erhält Einblicke, ohne dass die Firma ein zu großes Risiko eingeht oder die Betriebsabläufe gestört werden.
  • Aufmerksamkeit steigern: Arbeitgeber, die heute schon auf innovative Technik im Recruiting setzen, können sich auf dem Arbeitsmarkt hervorheben. Die Aufmerksamkeit – gerade für Bewerber aus der Generation Z – kann damit deutlich steigen.
  • Bewerber testen: In Bereichen, in denen es komplexe Systeme und Workflows zu verstehen gilt, können VR-Brillen ebenfalls eine Hilfe sein. Die Bewerber können sich an Aufgaben probieren, die sie später im Alltag übernehmen sollen. Der Bewerber merkt so, ob er die Voraussetzungen für die neue Stelle mitbringt und der Arbeitgeber kann sich ein Bild von der Herangehensweise machen. Oder man erleichtert dem potentiellen neuen Mitarbeiter den Einstieg, in dem er sich in erste Vorgänge bereits via VR einarbeiten kann.
  • Nach dem Recruiting: Der neue Mitarbeiter ist eingestellt. Damit muss der Einsatz von VR aber nicht enden. Gerade im Bereich Weiterbildung kann VR eine gute Alternative zu Präsenzterminen wie Workshops oder Schulungen sein.

Bei all diesen Vorteilen kann man sich die Frage stellen, warum nicht längst alle die VR-Technik einsetzen. Das liegt zum einen daran, dass neue Tools immer erst erlernt werden müssen und damit auch zeitlicher Aufwand und Kosten einhergehen. Die VR-Welt muss konstruiert werden. Das Unternehmen muss in einer 360-Grad-Welt erfassbar gemacht werden. Das geht beispielsweise mit Panorama-Aufnahmen oder Drohnenvideos. Bis das Recruiting also mit VR unterstützt werden kann, gilt es einiges an Vorarbeit zu leisten.

Im Bereich der VR-Brillen gibt es von günstig (ab etwa 25 €) bis hin zu High-End (um die
600 €) schon einiges auf dem Markt:

  • Cardboard-Brillen: Die simpelste Form der VR-Brille ist nichts anderes als ein Papp- oder Kunststoffgestell, in dem das Smartphone befestigt werden kann. Diese Einsteiger-Variante eignet sich für einfache 360-Grad-Videos, nicht aber für aufwändigere Simulationen.
  • Mobile-VR-Brillen: Diese Modelle verfügen über ein eingebautes Display und eine Mini-Computer, so dass kein weiteres Gerät benötigt wird. Gute Brillen gibt es im Preissegment von 250-500 €.

Full-Feature-VR-Brillen: Die beste Ausbaustufe der VR-Brillen bringt alles mit, um aufwändige VR-Anwendungen zu einem echten Erlebnis zu machen. Die Kosten sind allerdings entsprechend hoch.

Quelle: https://inside360.tv/blog/arten-und-einsatzbereiche-von-vr-brillen/

Die günstigsten Modelle – Cardboard-Brillen – eignen sich sicher gut, um auf Jobmessen den Besuchern einen ersten Einblick zu geben und potentielle Mitarbeiter überhaupt auf sich aufmerksam zu machen.
Ob und mit welchem Aufwand man sich an die High-End-Technik wagt, muss jedes Unternehmen individuell entscheiden. Sich mit VR oder auch AR (= Augmented Reality) zu beschäftigen ist sicher kein Fehler. Denn immer mehr dieser digitalen Techniken werden Einzug halten in die Personalgewinnung. Und je weiter die Technik ist, umso effektiver wird es, diese auch einzusetzen. Wer sich als innovatives Unternehmen positionieren möchte, wird sich immer schneller neuen Entwicklungen anschließen müssen, um auch weiterhin die besten Bewerber vom Arbeitsmarkt gewinnen zu können.

Auf Stimme statt Auge setzt eine andere Technik, die wir in unserem nächsten Beitrag in der Reihe „Recruiting Digital“ vorstellen werden: Dann geht es um Sprachcomputer.