Fachkräftemangel – Wahrheit oder Mythos?

Er ist in aller Munde, der vielbesungene Fachkräftemangel unserer Zeit. Auch wir haben ihn im ein oder anderen Artikel bereits erwähnt. Glaubt man Arbeitgebern und Medien, gibt es in Deutschland massenweise hochqualifizierte Stellen aber kaum dazu passende Kandidaten. Aber entspricht das wirklich der Wahrheit? Was für und was gegen den Fachkräftemangelmythos spricht, schauen wir uns im Folgenden näher an.

PRO:
Mehr Schüler machen Abitur und studieren

Seit einigen Jahren hat die Anerkennung handwerklicher und sozialer Berufe ohne Studium merklich abgenommen. Während junge Erwachsene früher noch stärker ihren Neigungen nach den Beruf auswählten und es keine Stigmatisierung von Haupt- und Realschule gab, gehen heute immer mehr Kinder auf das Gymnasium, unabhängig davon ob sie dafür wirklich geeignet sind. Und haben sie sich mehr oder weniger durch die höchste Schulbildung gequält, besuchen sie anschließend die Universität. Meist auf Drängen der Eltern, die sich für ihr Kind die bestmögliche Zukunft wünschen. Verständlich. Jedoch sollten diese Eltern nicht vergessen, dass auch für Akademiker der Markt irgendwann übersättigt ist, während etwa Handwerker händeringend gesucht werden. Reden Sie Ihrem Kind nicht ein, dass es um jeden Preis Abitur machen muss. Denn es muss nun mal nicht jedes Kind Abitur machen.

Die Anzahl an MINT-Absolventen ist vergleichsweise gering

Weit mehr Studenten verlassen mit einem wirtschafts- oder geisteswissenschaftlichen Abschluss die Uni, als mit einem technischen oder mathematischen. Schon vor 20 Jahren unkte man, Geisteswissenschaftler würden ohnehin als Taxifahrer enden. Auf wie viele das tatsächlich zutrifft, wissen wir nicht. Aber dass Geisteswissenschaftler nicht als Elektroingenieure oder Softwareentwickler arbeiten können, ist klar. In solchen Bereichen, insbesondere in hochspezialisierten, ist der Fachkräftemangel also durchaus ein Problem.

Die fortschreitende Digitalisierung verändert Ansprüche an Arbeitnehmer

Noch immer liest man häufig, Millennials würden auf den Arbeitsmarkt drängen und seien Digital Natives. Die Abgrenzung der Geburtsjahre ist für die Generation Y nicht gänzlich klar, aber jemand mit 35 ist definitiv ein Millennial – aber kein Digital Native (und meistens auch nicht neu auf dem Arbeitsmarkt). Die älteren Mitglieder der Generation Y sind noch analog aufgewachsen und müssen sich ebenso den Neuerungen anpassen, wie ältere Arbeitnehmer. Sicher tun sie sich dabei leichter. Dennoch kann man von einem 35jährigen nicht erwarten, dass er jedes Tool in- und auswendig kennt – vor allem dann nicht, wenn er bislang nur mit den üblichen Verdächtigen gearbeitet hat. Suchen Sie als Arbeitgeber also nicht nach jemandem, der beispielsweise alle CMS-Programme in- und auswendig kennt. So jemanden zu finden, ist unwahrscheinlich. Suchen Sie lieber nach jemandem, der bereit ist, sich engagiert und motiviert einzuarbeiten.

 

CONTRA:
Arbeitgeber suchen, was es nicht gibt

Unternehmer und Wirtschaftsvertreter beklagen sich schon seit längerem über zu wenige Fachkräfte und Spezialisten. Jedoch lassen sie dabei oft außer Acht, dass sich ein Experte mit mehrjähriger Erfahrung nicht bezahlen lässt, wie ein Neuling. Berufserfahrene sind eher gewillt, sich für die Suche nach der passenden Stelle Zeit zu lassen – und die Unternehmer stehen ohne erfahrene Fachkräfte da, weil sie diese nicht angemessen bezahlen wollen.

Laut einer Studie von Wollmilchsau blieben 2018 50.000 Lehrstellen unbesetzt und 24.000 junge Menschen fanden keinen Arbeitsplatz. Wie passt das zusammen? Theoretisch hätte jeder dieser 24.000 Menschen sogar die Wahl aus zwei Stellen gehabt – wieso also haben Kandidaten und Unternehmen nicht zusammengefunden?
Die Studie nennt als häufigsten Grund hierfür, dass in Firmen keine geeigneten Bewerbungen eingehen und zwar mit 68% weit vor dem zweithäufigsten Grund mit 26%, nämlich dass gar keine Bewerbungen eingehen. Das lässt also darauf schließen, dass Arbeitgeber zu hohe Ansprüche an Kandidaten stellen. Und gerade, wenn es um Lehrstellen geht, sollten sie bedenken: Diese Fachkräfte bilden sie selbst aus, sie kommen nicht fix und fertig mit allen notwendigen Fähigkeiten von der Schule.

Ausreichend Akademiker vorhanden

Es gibt in Deutschland keinen Mangel an Uni-Absolventen. Im Gegenteil. Wie bereits angemerkt, sind die wenigsten von ihnen in den gesuchten MINT-Bereichen ausgebildet, doch ein Mangel an Ingenieuren und Softwareentwicklern macht keinen branchenweiten Fachkräftemangel, von dem so häufig gesprochen wird. Denn wer einen Mitarbeiter in einer beliebten Branche wie Marketing sucht und keinen findet, macht etwas Grundlegendes falsch – die Marketing- und Medienbranche boomt nach wie vor.

Was kann man also tun gegen den ominösen Fachkräftemangel? Sowohl Unternehmen als auch junge Arbeitsmarkteinsteiger (und deren Eltern) müssen umdenken. Handwerkliche und soziale Berufe müssen wieder mehr Anerkennung erfahren, um sie für junge Menschen attraktiver zu machen. Elitäres Denken wird das vermeintliche Problem nicht lösen.
Unternehmer müssen begreifen, dass sie keine Fachkraft frisch von der Uni bekommen werden, die mit 22 bereits 10 Jahre Berufserfahrung mitbringt und sich dennoch mit 35.000 Euro Bruttojahreslohn abspeisen lässt.

Und wer auf seine Stellenanzeigen keine oder kaum Rückmeldung erhält, hat vermutlich ein Reichweitenproblem und sollte die Strategie zur Personalgewinnung überdenken.

Fazit: Schwer abzustreiten, dass es in gewissen Branchen in Deutschland einen Fachkräftemangel gibt. So extrem, wie oft dargestellt, ist er aber nicht und schon gar nicht branchenübergreifend. Verfallen Sie als Unternehmer also nicht in Panik, wenn Sie einen neuen Mitarbeiter suchen, sondern überdenken Sie zunächst mal Ihre Strategie und vor allem: Überlegen Sie, ob es den Mitarbeiter Ihrer Träume in der Realität überhaupt gibt – oder ob ein paar Kompromisse vielleicht doch in Ordnung sind.