Introvertierte Mitarbeiter schätzen, nicht unterschätzen

Sie sind zurückhaltend, ruhig, gelten eher als Zuhörer denn als Redner. Introvertierte Menschen machen vermutlich etwa ein Drittel der Bevölkerung aus und sind somit in der Minderheit. Kein Wunder also, dass sie es im Leben zunächst schwerer haben, sich gegenüber den Extrovertierten durchzusetzen. Das gilt auch für den Beruf. Durch ihre Zurückhaltung dauert es länger, bis Kollegen und Chefs ihre Stärken und Talente wahrnehmen und erkennen.

Deshalb sollten Teamleiter und Chefs besonderes Augenmerk auf ihre ruhigen Mitarbeiter legen – denn stille Wasser sind bekanntlich tief!

Nicht alle Introvertierten sind gleich

Dass alle Introvertierten sozialphobisch sind, sich nicht gern unterhalten und sich in größeren Gruppen unwohl fühlen, stimmt so nicht. Introversion und Sozialphobie sind zwei völlig verschiedene Dinge und sollten nicht in einen Topf geworfen werden. Und viele Introvertierte unterhalten sich sehr gern und angeregt über diverse Themen, sogar in größeren Gruppen. Sie haben keine Angst vor sozialer Interaktion. Sicher werden sie nicht diejenigen sein, die als Alleinunterhalter auffallen. Doch so manchem Introvertierten merkt man gar nicht direkt an, dass er eher nach innen gekehrt ist. Von Extrovertierten unterscheidet sich dieser Typus in erster Linie dadurch, dass er nach einem angeregten Abend mit vielen Menschen erst mal Zeit für sich und Ruhe braucht. Um Eindrücke zu verarbeiten, aber auch um wieder Energie zu tanken. Doch ebenso wie nicht jeder Extrovertierte permanent Menschen um sich und Aufmerksamkeit braucht, braucht nicht jeder Introvertierte permanente Ruhe und Alleinsein. Diesen Typus gibt es auch – es wäre aber fatal, von einigen auf alle zu schließen. Verwechseln Sie außerdem niemals Zurückhaltung mit Arroganz.

Introvertierte haben wichtige Stärken

Introvertierte Menschen benötigen einfach etwas länger, um sich neuen Situationen und Menschen zu öffnen. Das heißt aber nicht, dass sie es nicht möchten! Es heißt auch nicht, dass sie nicht gerne mal auf Parties gehen, humorlos sind und sich nur für sich selbst interessieren. Im Gegenteil. Sie machen sich im Allgemeinen viele Gedanken um ihr Umfeld und sind sehr empathisch. Sie denken erst nach und reden dann, was oft zu besseren Ideen und Problemlösungen führt, als jeden Blitzgedanken sofort rauszulassen. Viele Introvertierte sind sehr kreativ und haben ein reiches Innenleben. Sie können und wollen sich mit sich selbst beschäftigen und haben selten Langeweile. Sie brauchen wenig Stimulation von außen. Auf diese Weise lernen sie nicht nur sich selbst sehr gut kennen und verstehen, sondern können sich völlig in Aufgaben vertiefen. So kommen sie oft schnell zu sehr guten Ergebnissen.

Sind Introvertierte hochsensibel?

Unter Hochsensibilität versteht man die verminderte neurologische Fähigkeit, Reize von außen zu filtern und auszublenden. Hochsensible hören, sehen und riechen also mehr als „Normalsensible“ oder gar Menschen, deren Wahrnehmung eingeschränkt ist. Aus diesem Grund sind sie schneller erschöpft und benötigen öfter Zeit für sich allein, um die Reize verarbeiten zu können.
Auch Stimmungen nehmen sie sehr viel schneller wahr. Das wirkt sich meist auch auf ihre eigene Stimmung aus – hochsensible Menschen können etwa negative Energie nicht ausblenden und sich kaum abgrenzen. Bei einigen geht das sogar soweit, dass sie die Schmerzen der anderen spüren! Das hat Nachteile, die bereits erläutert wurden. Aber auch diverse Vorteile, denn Hochsensible können durch ihre Empathie sehr gut auf verschiedene Menschentypen eingehen und bringen viel Verständnis auf. Besonders in sozialen Berufen und solchen, in denen viel Kundenkontakt entsteht, ist diese Eigenschaft sehr wichtig.
Sind nun alle Introvertierten hochsensibel? Unwahrscheinlich, aber auch keine Seltenheit. Sind alle Hochsensiblen introvertiert? Der größte Teil sicherlich. Haben Sie nun so jemanden in Ihrem Team, sehen Sie die Vorteile und legen Sie die VorURteile ab. Weder Hochsensibilität noch Introversion bedeuten Schwäche. Beide Eigenschaften sind Persönlichkeitsmerkmale, für die Betroffene nichts können.

Richtig mit Introvertierten umgehen

Es gibt auch für Extrovertierte Tage, an denen ihnen alles zu viel wird und sie am liebsten ihre Ruhe hätten. Bei Introvertierten geht das schneller, wenn sie zwischendurch keine Zeit zum Durchatmen und Verarbeiten haben. Sie können dann sehr einsilbig werden und ihr Gegenüber schnell spüren lassen, dass sie gerade keine Lust auf ein Gespräch haben. Extrovertierte können das leicht als schlechte Laune fehldeuten. Und Kollegen und Chefs können besorgt sein, dass der miesgelaunte Mitarbeiter seine Arbeit in so einer Stimmung nicht richtig erledigt.
Merken Sie also, dass jemand in Ihrem Team ab und an still wird, lassen Sie ihn oder sie einfach mal in Ruhe. Es hat nichts mit Ihnen als Person zu tun. Die Arbeit wird trotzdem erledigt, versprochen! Muten Sie dem Introvertierten in so einem Moment nicht noch mehr Reizüberflutung zu – denn das ist eher schädlich denn zuträglich.
Verstellen Sie sich aber nicht! Das ist nicht nötig und das möchte auch kein Introvertierter. Geben Sie allen Beteiligten die Chance, einander gut kennenzulernen und sich als Team zusammenzufinden. Denn wo introvertierte Denker und extrovertierte Macher zusammenkommen, kann zweifelsohne Großes entstehen.